Warum psychische Diagnosen sprunghaft ansteigen – ein Psychologe im Gespräch
Der Psychologe Holger Richter spricht im Podcast „based.“ über den Anstieg bestimmter Diagnosen, seine Kritik an weichen Krankheitskriterien und den Gegenwind, den ihm ein Interview eingebracht hat.
Warum werden bestimmte psychische Krankheiten heute deutlich häufiger diagnostiziert als früher? Über diese Frage spricht der Psychologe Holger Richter in der 85. Episode des Podcasts „based.“. Richter hat ein Buch mit dem Titel Jenseits der Diagnosen geschrieben und war zuvor durch ein Interview mit der NZZ in die öffentliche Debatte geraten – mit Folgen für seinen Beruf.
„Identitätsdiagnosen“ und weiche Kriterien
Richter unterscheidet zwischen Erkrankungen, die aus seiner Sicht dringend Behandlung brauchen – etwa schwere Depressionen, Zwangsstörungen oder Schizophrenie – und einer Gruppe von Diagnosen, die seit etwa 2010 stark angestiegen seien. Er nennt sie „Identitätsdiagnosen“ und zählt dazu unter anderem ADHS, Trauma, Autismus-Spektrumsstörung und Genderdysphorie. Ein Faktor sei dabei die Suche nach Zugehörigkeit über soziale Medien:
Es ist verblüffend, wie junge Leute untereinander massiv schnell sich bestätigen, mit Likes, mit Rückkopplungsschleifen sagen, ich habe das Ah, dann habe ich das auch und sich finden und dort die Identität und ne Identitäre Gruppe bilden.
Gleichzeitig warnt Richter davor, dass diese Entwicklung Ressourcen bindet. Patienten, die kaum Fortschritte machten, blockierten mitunter Plätze für schwerer Erkrankte.
Und gleichzeitig nehmen die eben möglicherweise den schwerer gestörten Patienten die Plätze weg.
Er betont zugleich, die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen sei „was Gutes“, und mahnt zur Vorsicht bei zu verkürzten Deutungen.
Gegenwind nach dem NZZ-Interview
Nach dem Interview mit der NZZ erhielt Richter nach eigener Schilderung nicht nur Zuspruch, sondern auch Beschwerden von Aktivisten, die sich direkt an seine Arbeitgeber und die Psychotherapeutenkammer richteten. Aus einem der Schreiben zitiert er im Podcast:
Diese Entwicklung von Herrn Richter muss mit aller Kraft aufgehalten werden, denn sie folgt der faschistischen Logik der absoluten Entmenschlichung marginalisierter Gruppen, um ungehindert Ausgrenzung betreiben zu können. Ihm muss das Handwerk gelegt werden.
Zwei Institute hätten ihm Verträge gekündigt, andere hätten ausdrücklich zu ihm gehalten. Richter räumt ein, seine Formulierungen im Interview seien teils zu polemisch gewesen; das Ausmaß der Reaktionen habe ihn dennoch erschreckt. Vereinnahmen lassen will er sich nach eigenen Worten von keiner Seite: Angebote „aus dem ganz rechten Spektrum“ habe er abgelehnt und bezeichne sich grundsätzlich als liberal.
Was Richter fordert
Als Konsequenz plädiert Richter nicht dafür, Menschen die Therapie zu verweigern, sondern für strengere Prüfung. Er wünscht sich klare Kriterien, objektive Befunde und eine kritische Rückkehr zu wissenschaftlichen Standards. Kritisch sieht er auch das Selbstbestimmungsgesetz, weil Gefühl und rechtliche Folgen aus seiner Sicht zu direkt verbunden würden. Für die psychische Gesundheit empfiehlt er im Podcast bewährte Mittel jenseits der Therapie: Natur, Sport, sinnstiftende Aufgaben, echte Freundschaften statt nur virtueller Kontakte sowie eine Einbindung in etwas Größeres.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
← Alle Folgen