Zu Gast: Mathias Brodkorb

„Ein Weltgerichtshof gegenüber unseren eigenen Vorfahren“ – Mathias Brodkorb über Museen und Postkolonialismus

Der frühere SPD-Finanzminister und heutige Autor kritisiert im „based.“-Podcast, wie ethnologische Museen mit historischer Wahrheit umgehen – und warum er das postkoloniale Narrativ für eine neue Form des Rassismus hält.

29. Dezember 2025 · based. Podcast
„Ein Weltgerichtshof gegenüber unseren eigenen Vorfahren“ – Mathias Brodkorb über Museen und Postkolonialismus

Der frühere Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern und heutige Cicero-Mitarbeiter Mathias Brodkorb war zum zweiten Mal zu Gast im Podcast „based.“. Anlass ist sein neues Buch Postkoloniale Mythen, in dem er sich mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika und dem Umgang deutscher Museen mit dieser Geschichte beschäftigt. Brodkorb, nach eigenen Angaben ursprünglich Laie auf dem Gebiet, beschreibt seine Recherche als Versuch, konkrete Geschichten statt einfacher Schablonen zu erzählen.

Was das postkoloniale Narrativ ausmacht

Brodkorb fasst die Theorie, die er kritisiert, auf einen moralischen Kern zusammen: Täter und Opfer, deren Status sich auf die Nachfahren vererbe. Seine Kritik richtet sich gegen die rückblickende Verurteilung früherer Generationen:

„Im Prinzip betreiben wir heute sowas wie n. Weltgerichtshof gegenüber unseren eigenen Vorfahren. Es geht gar nicht darum, sie zu verstehen, um daraus zu lernen, es geht darum, sie zu verurteilen, aus heutiger Perspektive, um sich dadurch moralisch überhöhen zu können.“

Sortiere man die widersprüchlichen Motive und Gesellschaften ein – von Missionaren über Kaufleute bis zu Sklavenhaltern in Afrika selbst –, dann halte die simple Einteilung nicht stand: „Dann sind diese simplen Schlussfolgen der Postkolonialen Theorie über Schuld und Unschuld, Opfer und Täter sind die, die, die, die zerbröseln.“

Der Vorwurf an die Museen

Kern des Buches ist Brodkorbs Besuch mehrerer ethnologischer Museen in Berlin, Leipzig, Hamburg und Wien. Öffentlich finanzierte Museen hätten er einen wissenschaftlichen Auftrag, so seine Erwartung – die er nicht erfüllt sah:

„Wir, wir bezahlen da Einrichtungen mit Steuergeld, die auch viele Wissenschaftler beherbergen, eigentlich müsste es ihr Job sein, rauszufinden, was bedeutet dieses Objekt, wie ist es kulturell verwendet worden, wie ist es hierher gekommen und so weiter damit derjenige, der es. Der Besucher, wenn er aus dem Museum rauskommt, klüger ist als vorher.“

Stattdessen, so Brodkorb, würden Ausstellungen entlang des postkolonialen Narrativs aufgebaut und Fakten weggelassen. Einen Direktor habe er auf ausgelassene, historisch unstrittige Tatsachen angesprochen; sinngemäß habe dieser geantwortet, man mache Ausstellungen nur noch gemeinsam mit „Ursprungsgemeinschaften“, und diese hätten es so nicht erzählt haben wollen. Als überaus professionell hebt Brodkorb den Umgang des Ethnologischen Museums in Berlin hervor, dessen Direktor Lars Christian Koch sich zweimal mit ihm getroffen und Mängel eingestanden habe.

Der Streit um die Wahrheit

Den theoretischen Ursprung verortet Brodkorb in der Postmoderne und der Auflösung des Wahrheitsbegriffs. Für ihn ist das der entscheidende Bruch mit der Wissenschaft – und ein Widerspruch in sich, weil auch die Ablehnung von Wahrheit selbst einen Wahrheitsanspruch erhebe. Zugleich zeigt er sich fasziniert von ambivalenten Figuren wie Felix von Luschan, der sich vom rassistischen Sprachgebrauch zu einer antirassistischen Position entwickelt habe. Auf die Frage nach dem Ertrag der Theorie antwortet Brodkorb, es sei ein Verdienst, auf reale Probleme und die Lücke im öffentlichen Bewusstsein aufmerksam gemacht zu haben – die Theorie selbst brauche er dafür jedoch nicht. Im nächsten Jahr, kündigt er an, folgt ein Buch zum Thema Gleichheit.

Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.

← Alle Folgen
💚Unterstütze based.