Sigi Lieb über die gespaltene Regenbogen-Debatte: „Transfrauen sind weder Heilige noch sind sie Teufel“
Die Soziologin und Beraterin für gendersensible Kommunikation spricht im based.-Podcast über Empörung, Cancel Culture und warum sie ausgerechnet aus der queeren Szene angefeindet wird.
In der 99. Episode des Podcasts based. ist Sigi Lieb zu Gast – Soziologin, Autorin und Beraterin für Diversity und gendersensible Kommunikation. Im Gespräch versucht sie, die stark polarisierte Debatte um Geschlecht, Gender und Sprache zu ordnen. Trotz ihrer Arbeit wird sie inzwischen wiederholt aus Veranstaltungen ausgeladen – zuletzt eine Lesung in Hamburg. Der Grund bleibe, so Lieb, meist im Unklaren.
Zwischen den Fronten
Lieb beschreibt, wie sie in ihrem Buch bewusst einen sachlichen Ton anschlägt und Transfrauen als das behandeln wollte, was sie für sie seien: normale Menschen. Genau dieser Ansatz habe ihr Kritik aus dem queeraktivistischen Umfeld eingebracht.
Ich habe mir aber die Freiheit herausgenommen, Transfrauen zu behandeln, die ganz normale Menschen, weil für mich sind es ganz normale Menschen. Transfrauen sind weder Heilige noch sind sie Teufel.
Sie betont, dass sie die Identität einzelner Menschen nicht infrage stelle, sich aber Kritik an konkretem Verhalten vorbehalte. Vorwürfe wie in einer Rezension von queer.de, sie spreche Menschen ihre Transidentität ab, weist sie als falsche Tatsachenbehauptung zurück.
Debatten, die "übertrieben" werden
Lieb differenziert stark zwischen biologischem Geschlecht und Genderidentität. Bei einzelnen Zeichen und Begriffen, sagt sie, werde gezielt Anlass zur Empörung gesucht – im rechten wie im linken Spektrum. Manche Formen der Debatte hält sie für schädlich, etwa das Ausweichen von der Sprache oder das Ausdenken immer neuer Pronomen.
Zugleich mahnt sie einen anderen Umgangston an. Sie beobachtet, dass die Akzeptanz von LGBTQ-Themen zurückgehe, und führt dies auch auf übertriebene Vorstellungen zurück, besonders wenn es um Kinder gehe. Ihr Wunsch: ein sachliches Gespräch statt sofortiger Ausgrenzung.
Ich glaube, da müssten wir wieder hin, dass wir ganz normal reden können, dass wir ganz normal miteinander reden können und nicht sagen können, wenn du ein bisschen nur abweichst von meiner Meinung, dann bist du Feind.
Der Blick zurück – und in die USA
Um ihre These zu untermauern, verweist Lieb auf die Geschichte der homosexuellen Bewegung. Der Erfolg beim Kampf gegen den Paragraphen 175 sei gerade dadurch möglich geworden, dass unauffällige, alltägliche Menschen sichtbar wurden – nicht die provokantesten Figuren.
Als die homosexuellen Bewegungen den Paragraphen 175 B abschaffen wollte und sie hätte die ganze Zeit lauter Fetischboys, lederboys und sonst irgendwas nach vorne gestellt, dann hätten wir den Paragraphen heute noch.
Mit Blick auf die USA argumentiert Lieb, ein radikalisierter Aktivismus habe dort Stimmen für Donald Trump mobilisiert; Identitätspolitik sei laut den von ihr angeführten Umfragen das drittwichtigste Thema der Wählerschaft gewesen. In Deutschland, so ihre Sorge, könne Ähnliches Kräften wie der AfD nützen. Ihr Plädoyer bleibt bis zum Schluss dasselbe: die Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten und über Interessenkonflikte zwischen Gruppen offen zu sprechen.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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