Folge #96

„Neue deutsche Gewalt“: Warum zwei Weltredakteure vor einer Verharmlosung warnen

Alexander Dinger und Philipp Woldin sprechen im based.-Podcast über ihr Buch, steigende Gewaltzahlen, das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum und die Rolle sozialer Medien.

20. Oktober 2025 · based. Podcast
„Neue deutsche Gewalt“: Warum zwei Weltredakteure vor einer Verharmlosung warnen

In der 96. Folge des Podcasts based. sind die beiden Weltredakteure Alexander Dinger und Philipp Woldin zu Gast. Anlass ist ihr im Verlag C.H. Beck erschienenes Buch Neue deutsche Gewalt. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Debatte um Kriminalität im öffentlichen Raum – und die Frage, wie sich Zahlen, Gefühle und politische Zuschreibungen zueinander verhalten. Die beiden Autoren betonen, kein Meinungsbuch geschrieben zu haben, sondern Experten getroffen zu haben: Lehrer, Polizisten, Wissenschaftler, Hinterbliebene und Opfer.

Zwischen Statistik und Gefühl

Beide Seiten der öffentlichen Debatte – von Böhmermann bis Weidel – hätten in gewisser Weise recht, so das Fazit. Während die Zahl der Morde früher höher gewesen sei, seien andere Bereiche heute auf einem Höchststand. Die Ambivalenz beschreiben die Autoren so:

Also ja, früher gab es mehr Morde, das stimmt so, aber gleichzeitig kann man nicht sagen, Deutschland ist heute das sicherste Deutschland aller Zeiten, weil wir halt sehen, es gibt andere Bereiche, Kinder und Jugendkriminalität, Gewaltkriminalität, wo wieder auf einem Allzeithoch sind.

Gleichzeitig warnen sie davor, Herkunft pauschal mit Kriminalität gleichzusetzen – ohne das Problem wegzureden:

Niemand wird kriminell, nur weil er jetzt n italienischen oder n syrischen Pass hat. Das ist sozusagen Unsinn.

Es gebe aber eine Gruppe von Menschen ohne deutschen Pass, die überproportional harte Straftaten begehe – ein Punkt, den die Autoren als „das ambivalente an der Debatte“ beschreiben.

Der „permanente Flow der Gewalt“

Ein zentrales Kapitel widmet sich sozialen Medien und deren Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Die Autoren berichten von Videos in Klassenchats und auf Smartphones, die ungefragt geteilt würden. Ein zitierter Kriminologe, Herr Rüdiger aus Brandenburg, bringe das Problem auf den Punkt:

Stell dir vor, du bist auf dem Spielplatz und dann kommt n Wildfremder zu dir, zu deinem Kind und sagt, Komm mal mit. Ich will dir mal n paar Videos zeigen, dann würde jeder normale Mensch würde sagen sag mal hackt es ja, aber online passiert das halt ständig.

Es sei ein „permanenter Flow der Gewalt“, der Menschen verändere. Gewalt werde in bestimmten Zirkeln zur „sozialen Währung“, mit der man sich nach außen präsentiere.

Der Blick nach Schweden

Als „warnendes Beispiel“ dient den Autoren Schweden. Woldin, der dort recherchierte, beschreibt Bandenkriminalität, Schusswaffentote und eine aufgeheizte Social-Media-Öffentlichkeit. Wie ernst die Lage sei, zeige ein Detail:

Der schwedische Ministerpräsident hat tatsächlich letztes Jahr erwogen, das Militär einzusetzen. Im Inneren.

Deutschland sei nicht eins zu eins mit Schweden vergleichbar, aber das Land sei „so wie eine Achtungslampe“. Als Konsequenz plädieren die Autoren für eine steuernde Migrationspolitik, mehr Regulierung digitaler Plattformen und die konsequente Anwendung bestehender Gesetze. Vor allem aber, so das Schlusswort, dürfe man das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nicht abtun – denn es verändere den Alltag vieler Menschen und damit die Gesellschaft als Ganzes.

Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.

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