Stefan Laurin über den Niedergang der SPD: „Postmaterialismus muss man sich erlauben können“
Der Journalist und Ruhrbarone-Herausgeber erklärt im based.-Podcast, warum die SPD ihre alte Klientel verliert – und warum er den Ausweg im Wachstum sieht.
Bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen verloren fast alle etablierten Parteien, während die AfD in Städten wie Gelsenkirchen, Duisburg und Hagen stark zulegte. Im based.-Podcast spricht Journalist Stefan Laurin, Herausgeber des Blogs „Ruhrbarone“, über den langen Abstieg der Sozialdemokratie – besonders im Ruhrgebiet, das er als eine weitgehend deindustrialisierte Region beschreibt.
Weg von der eigenen Klientel
Laurin verortet ein Kernproblem der SPD in ihrer Annäherung an die Grünen. Die klassische Wählerschaft – kleine Angestellte, Facharbeiter, Aufstiegsorientierte – sei damit verloren gegangen. Sie sei nämlich, so Laurin, ganz anders gestrickt als das wohlhabende, postmaterielle Grünen-Spektrum.
in dem Maße, in dem sich die SPD den Grünen angenähert hat, hat sie sich von dieser Klientel entfernt, weil die ist alles andere als postmaterialistisch postmaterialismus muss man sich erlauben können
Konkret werde es für diese Menschen wirtschaftlich immer enger, während sie sich zugleich mit Debatten konfrontiert sähen, die an ihrer Lebensrealität vorbeigingen.
Es sind alles Dinge, die die heute nicht mehr gehen. Also eine Immobilie ist fast unbezahlbar geworden, mit einem normalen Einkommen, und diese Leute müssen sich dann sowas anhören lassen wie Transfrauen sind Frauen
Das Ruhrgebiet und die Selbstkritik
Laurin, dessen Blog nach eigenen Angaben im Mai 1,3 Millionen Seitenaufrufe verzeichnete, spart nicht mit Kritik an der eigenen Region. Über den viel beschworenen Strukturwandel und die Vergangenheitsfixierung im Revier äußert er sich ungewöhnlich schroff.
Ruhrgebiet ist immer groß im Jammern und man hat, glaube ich, Jahrzehnte über das Ruhrgebiet geredet und irgendwann auf irgendwann mal kann man es ja auch nicht mehr hören, dieses ewige Jammer
Zugleich benennt er hausgemachte Fehler: In den 1960er- und 70er-Jahren seien Industrieansiedlungen bewusst verhindert worden, etwa durch die sogenannte „Bodensperre“ der großen alten Unternehmen. Verantwortlich dafür seien alle Parteien gewesen, nicht allein die SPD.
Wachstum statt Verzicht
Als Ausweg für die Sozialdemokratie plädiert Laurin für eine Rückbesinnung auf Wachstum und Technologie – von Kernfusion über Gentechnik in der Landwirtschaft bis zu bezahlbarer Energie. Postwachstum hält er für eine Sackgasse. Der SPD wirft er vor, sich stattdessen von den falschen Milieus vereinnahmen zu lassen.
stattdessen sind sie mit irgendwelchen Schulschwätzern von Fridays for Future und irgendwelchen Gammlern, die in irgendwelchen verrotteten Hütten im Rheinland irgendwie sich die Polizisten mit Steinen bewerfen
Trotz aller Verbesserungsvorschläge fällt Laurins Prognose pessimistisch aus. Zwischen Grünen und AfD werde die SPD seiner Einschätzung nach eher zerrieben, weil sie kein realistisches Aufstiegsversprechen mehr geben könne. Die Verteilungskämpfe würden eskalieren, der Wohlstand sinken – ein Befund, den er am Ende des Gesprächs auch persönlich zuspitzt, wenn er über die Zukunftsaussichten des Landes spricht.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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