Folge #86 · Zu Gast: Katja Hoyer

„Man kann die DDR nicht bewältigen“ – Historikerin Katja Hoyer über eine andere DDR-Geschichte

Im „based.“-Podcast erklärt die Historikerin und Journalistin Katja Hoyer, warum sie in ihrem Buch „Beyond the Wall“ die Mehrheitsgesellschaft der DDR in den Blick nimmt – und warum das in Deutschland heftiger diskutiert wurde als im Ausland.

28. Juli 2025 · based. Podcast
„Man kann die DDR nicht bewältigen“ – Historikerin Katja Hoyer über eine andere DDR-Geschichte

In der 86. Folge von „based.“ ist die in London lebende Historikerin und Journalistin Katja Hoyer zu Gast. Ihr Buch „Beyond the Wall“ (deutsch: „Diesseits der Mauer“) sollte eine Gesamtgeschichte der DDR erzählen – und hat, wie im Gespräch deutlich wird, gerade in Deutschland stark polarisiert. Hoyer, selbst in der DDR geboren, beschreibt ihren Ansatz als einen, der neben Opfern und Oppositionellen auch die breite Bevölkerung einbezieht.

Ein „menschliches Mosaik“ statt einer einzigen Geschichte

Hoyer betont, dass die DDR eine Diktatur war, die mit Andersdenkenden hart umging. Zugleich könne das nicht die alleinige Erzählung sein. Ihr Buch versuche daher, unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderzustellen und über einzelne Schicksale nachvollziehbar zu machen.

das war ne Diktatur und die ist natürlich auch mit Menschen, die versucht haben, irgendwie andere Leben als die Normen da drin zu leben, auch entsprechend umgesprungen, aber das kann eben nicht die einzige Geschichte der DDR sein, weil einem immer wieder Leute andere Dinge auch erzählen, und deshalb hab ich versucht, wie gesagt, dieses ganze Mosaik irgendwie abzubilden.

Als Einstieg ins Buch dient ihr Angela Merkel, die sich 2005 öffentlich zurückgezogen habe, über die DDR zu sprechen.

sie hat mal 2005, kurz bevor sie Kanzlerin geworden ist, irgendwie gesagt, sie redet jetzt quasi nicht mehr über die DDR, weil es einfach unmöglich ist, wie sie es genannt hat. Zu erklären und verständlich zu machen, wie wir, und damit meinte sie alle Ostdeutsche damals gelebt haben.

Streit um „Vergangenheitsbewältigung“

Kritik entzündete sich unter anderem an einer Stelle im Epilog, in der Hoyer die deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ hinterfragt. Sie stellt klar, dass es ihr nicht darum gehe, die Geschichte abzuschließen, sondern sie fortlaufend mitzuerzählen.

wir müssen damit leben, dass es diese 2 deutschen Geschichten über 40 Jahre lang gab und dass diese 2 deutschen Geschichten deshalb auch nicht verschwinden. Man kann die DDR nicht bewältigen im Sinne von. Zurücklassen und und sozusagen weiter vorwärts gehen, sondern man muss jetzt damit leben und dass man diese Geschichte einfach miterzählt

Auf die kritische Nachfrage, ob die Stasi in ihrem Buch zu wenig Raum einnehme, widerspricht Hoyer und verweist auf zahlreiche Passagen – etwa den Aufbau des Apparats und die Rolle Erich Mielkes.

Warum die Debatte in Deutschland heftiger war

Im Gespräch ordnet Hoyer ein, dass die schärfste Kritik von ostdeutschen Historikern und aus dem Umfeld der Aufarbeitung gekommen sei, während das Buch im Ausland breiter und weniger aufgeheizt diskutiert worden sei. Sie selbst habe erst spät begonnen, sich mit der Frage der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen – überrumpelt von einer Interviewfrage der Financial Times, ob sie sich als Ostdeutsche identifiziere.

Auf die Wahlerfolge autoritärer Parteien im Osten angesprochen, verweist Hoyer weniger auf ein DDR-Bild als auf Kernthemen und eine spezifische Anti-Staats-Haltung. Zugleich könne das Gefühl fehlender Repräsentation der eigenen Geschichte eine Rolle spielen. Ihr Fazit: Ostdeutsche Geschichte müsse Teil der Geschichte aller Deutschen werden – als zwei Erzählungen, die parallel nebeneinander herlaufen und miteinander verflochten sind.

Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.

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