„Wir betreiben heute so was wie einen Weltgerichtshof gegenüber unseren eigenen Vorfahren"
Mathias Brodkorb über sein neues Buch zum Postkolonialismus, ideologisierte Museen und den Verlust des Wahrheitsbegriffs
Der frühere SPD-Finanzminister und heutige Cicero-Mitarbeiter Mathias Brodkorb ist zum zweiten Mal zu Gast im Podcast based. Anlass ist sein neues Buch Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs. Darin nimmt Brodkorb, nach eigener Aussage ein anfänglicher Laie auf dem Feld, die postkoloniale Theorie und ihren Niederschlag in deutschen Museen kritisch in den Blick.
Ein „Weltgerichtshof" gegen die eigenen Vorfahren
Das postkoloniale Narrativ fasst Brodkorb als schlichten Dreisatz zusammen: Weiße seien Täter, Schwarze Opfer, und beide Status hätten sich auf die Nachfahren vererbt – woraus sich der Anspruch auf Wiedergutmachung ableite. Gegen diese vereinfachende Moral setzt er das Erzählen konkreter, widersprüchlicher Geschichten. Die simple Schuldzuweisung, so seine These, halte einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Betreiben wir heute so was wie n Weltgerichtshof gegenüber unseren eigenen Vorfahren? Es geht gar nicht darum, sie zu verstehen, um daraus zu lernen, es geht darum, sie zu verurteilen, aus heutiger Perspektive, um sich dadurch moralisch überhöhen zu können.
Diese Haltung nennt Brodkorb „die billigste Figur, die billigste Attitüde" – auch weil sich die Vorfahren nicht mehr wehren könnten.
Museen als „Ideologiemaschinen"
Für sein Buch besuchte Brodkorb ethnologische Museen in Berlin, Leipzig, Hamburg und Wien. In Leipzig sei er „fassungslos" gewesen, wie dort mit historischen Wahrheitsfragen umgegangen werde. Ausstellungen würden nach dem postkolonialen Dreisatz aufgebaut, unpassende Fakten weggelassen. In einem Fall habe ein Direktor ihm bestätigt, moralisch relevante Tatsachen bewusst nicht erzählt zu haben – weil die beteiligten „Ursprungsgemeinschaften" es so nicht gewollt hätten.
wir bezahlen da Einrichtungen mit Steuergeld, die auch viele Wissenschaftler beherbergen, eigentlich müsste es ihr Job sein, rauszufinden, was bedeutet dieses Objekt, wie ist es kulturell verwendet worden, wie ist es hierhergekommen und so weiter, damit derjenige, der es. Der Besucher, wenn er aus dem Museum rauskommt, klüger ist als vorher.
Heute aber, so Brodkorb, sei der Besucher hinterher nicht klüger als vorher. Ausdrücklich lobt er hingegen den Umgang des Berliner Ethnologischen Museums, dessen Direktor Lars-Christian Koch am „souveränsten und sachlichsten" mit seiner Kritik umgegangen sei.
Wahrheit, Wissenschaft und Zivilisation
Den Kern seines Vorwurfs macht Brodkorb an der Wissenschaftlichkeit fest. Wissenschaft sei ohne den Begriff der Wahrheit nicht möglich – und genau diesen bestreite die postkoloniale Theorie in der Tradition der Postmoderne. Wer aber die Wahrheit aufgebe, so seine Schlussfolgerung, verliere auch den Maßstab für menschliche Verständigung.
dann sind diese simplen Schlussfolgen der Postkolonialen Theorie über Schuld und Unschuldopfer und Täter sind die, die, die, die zerbröseln.
Trotz aller Kritik räumt Brodkorb ein Verdienst ein: Die Postkolonialisten hätten zu Recht darauf aufmerksam gemacht, wie wenig sich Deutschland mit seiner eigenen Kolonialgeschichte beschäftige – auch wenn man dafür „die postkoloniale Theorie nicht" brauche. Sein nächstes Buch, kündigt er zum Abschluss an, soll sich dem Thema Gleichheit widmen.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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