Bernd Ulrich: „Die Menschheit hat beschlossen, ungebremst in die ökologische Katastrophe zu gehen“
Der Publizist Bernd Ulrich spricht im „based.“-Podcast über Demokratie, Verdrängung und warum er den Begriff „Klima“ für zu eng hält.
Zu Gast in der 72. Folge des Podcasts „based.“ war der Journalist und Autor Bernd Ulrich, langjähriger stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit. Anlass war sein gemeinsam mit der Historikerin Hedwig Richter verfasstes Buch über Demokratie und Revolution im Angesicht der ökologischen Krise. Im Gespräch mit den Hosts Dominik und Benny widersprach Ulrich immer wieder deren Vokabular – und schlug einen weiteren Rahmen vor, als es die Debatte üblicherweise vorsieht.
Mehr als nur Klima
Ulrich lehnte die Verengung auf die Klimafrage ausdrücklich ab. Der Begriff „Klima“ diene aus seiner Sicht sogar der Verdrängung eines größeren Problems.
„Klima ist der Begriff, mit dem wir die ökologische Krise in ihrer Ganzheit verdrängen.“
Er verwies auf Plastikmüll in den Meeren und das Artensterben und betonte, dass fast alle diese Prozesse kumulativ und exponentiell verliefen. Für ihn ist die Katastrophe bereits im Gange – und zwar nicht wegen mangelnden Wissens, sondern trotz vorhandenen Wissens.
„Wir wissen, die ganze Menschheit weiß, wir gehen ungebremst in die ökologische Katastrophe und haben es selber so entschieden.“
Konterrevolution und Verdrängung
Ulrich beschrieb den Aufstieg des Rechtspopulismus als Reaktion auf einen tiefen Epochenbruch, den er „Nebenfolgenkrise“ nennt: Jahrzehntelang habe der Westen die Folgen seines Handelns anderswohin verschoben, in die Zukunft, in die Meere, in den globalen Süden. Nun müsse man selbst dafür aufkommen. Diese Verunsicherung, so seine These, werde derzeit maximal verdrängt.
Zugleich kritisierte er die etablierte Politik dafür, den Menschen keine Zumutungen zuzumuten. Beim Thema Verzicht wurde er grundsätzlich – und persönlich, mit Blick auf seine eigene vegane Ernährung.
„Menschen, die für das die Folgen ihres Tuns aufkommen sollen, nennt man gemeinhin Erwachsene.“
Verzicht, Radikalität und das China-Argument
Auf den Einwand, wählbar sei eher weniger als mehr Verzicht, betonte Ulrich, er mache selbst keine Prognosen über steigendes oder sinkendes Bruttoinlandsprodukt. Ihm gehe es um die Überwindung der „Nebenfolgengesellschaft“. Politik solle den Menschen nicht alles vorschreiben, sondern es ihnen leichter machen, aus zerstörerischen Lebensweisen auszusteigen. Selbstwirksamkeit sei entscheidend.
Auch das im Gespräch wiederholt aufgeworfene „aber die Chinesen“-Argument ließ Ulrich nicht gelten. Er verwies darauf, dass in China parallele Entwicklungen liefen – eine Explosion der regenerativen Energien und zugleich neue fossile Kraftwerke – und lud dazu ein, Klimaresilienz und Artenschutz vor der eigenen Haustür anzugehen. Am Ende, so Ulrich, sei die Frage keine reine Rechenaufgabe, sondern eine Identitätsfrage: ob man ein Mensch sein wolle, der überproportional zur Zerstörung seiner Umgebung beitrage. Die Fortsetzung des Gesprächs über die Rolle des Journalismus kündigten die Hosts auf Patreon an.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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