Stephan Anpalagan über Magdeburg, Migration und Behördenversagen
Der Theologe und Autor spricht im Podcast „based.“ über Sicherheitsversäumnisse, den Umgang mit Kriminalitätsstatistiken und darüber, warum er Debatten aus der Perspektive der Opfer führen möchte.
In der 63. Folge des Podcasts „based.“ ist Stephan Anpalagan zu Gast, evangelischer Theologe und Autor. Anlass ist der Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt, bei dem ein Mann mit einem Auto fünf Menschen tötete und über 200 verletzte. Aufgezeichnet wurde die Folge am 23. Dezember – die Hintergründe der Tat waren zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Anpalagan ordnet das Geschehen ein, ohne sich auf eine eindeutige Klassifizierung des Täters festzulegen.
Behördenversagen statt neuer Gesetze
Für Anpalagan wirft der Fall vor allem Fragen an die Sicherheitsbehörden auf. Der Täter sei mehrfach aufgefallen, es habe Gefährderansprachen und Anzeigen gegeben. Neue Gesetze hält er deshalb für das falsche Mittel.
„aber ich brauche ja jetzt keine neue Gesetzgebung und ich brauche auch keine Vorratsdatenspeicherung und ich brauche auch keine Klarnamenspflicht im Internet, wenn der Typ mit 40000 Followern auf Twitter seinen Kram einfach so rausdödelt, dann muss ich mich doch fragen. Naja, was machen denn unsere Sicherheitsbehörden dann da?“
Er verweist auf ein Sicherheitskonzept, dessen Umsetzung offenbar scheiterte, und spricht von einem verbreiteten Muster: „Ich glaube, wir haben in Deutschland ein relativ hohes Maß an Behördenversagen, an Bürokratie, an Föderalismus.“ Statt Einzelfälle zu betrachten, plädiert er dafür, vergangene Anschläge systematisch auf Muster hin zu untersuchen.
Kriminalität, Kultur und die Frage der Herkunft
Beim Thema Migration und Kriminalität verweist Anpalagan auf die Kriminologie. Überrepräsentation von Zugewanderten in Statistiken sei kein neues Phänomen, sondern hänge mit sozialer Lage zusammen. Auf die Frage nach kulturellen Erklärungen für Kriminalität stellt er eine Gegenfrage.
„Jetzt ist ja die Frage, was läuft denn bei den Ostdeutschen kulturell falsch, liegt es an der Religion oder an deren Erziehung? Und das, was diese Leute alle vereint, ob sie jetzt Heimatvertriebene, Ausländer, Ostdeutschland oder sonst wer sind, ist ja immer die Tatsache, dass sie sozial schlechter gestellt sind.“
Er kritisiert, dass gesellschaftliche Debatten Zugewanderte kollektivierten, während man bei der Mehrheitsgesellschaft individualisiere. Als Beispiel nennt er, dass niemand einen katholischen Talkgast pauschal zum Kindesmissbrauch in der Kirche befrage.
Opferperspektive statt Herkunftsdebatte
Beim Thema Antisemitismus widerspricht Anpalagan der Darstellung, die Bedrohung gehe vor allem von muslimischen Milieus aus, und verweist auf einen Jahresbericht mit höheren Zahlen rechtsextremer Straftaten. Seine grundsätzliche Haltung formuliert er unabhängig von der Herkunft der Täter.
„Für mich geht es eher darum, es aus der Perspektive der Opfer zu sehen und zu überlegen, was kann man machen, damit es für die besser wird.“
Zugleich betont Anpalagan seine Verbundenheit mit Deutschland. Heimat sei da, „wo du sein darfst, wie du bist“. Trotz aller Kritik plädiert er dafür, Menschen als Individuen zu sehen – und vergleicht das Verhältnis zum eigenen Land mit dem zu einer Familie, die man trotz Konflikten nicht einfach verlasse.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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