Folge #59 · Zu Gast: Korbinian Frenzel

„Defekte Debatten“: Korbinian Frenzel über das, was den Streit kaputt macht

Der Deutschlandfunk-Kultur-Moderator diagnostiziert Populismus, Krisenstress und veränderte Medienwelten – und plädiert für mehr Neugier statt vorschneller Grenzziehungen.

21. November 2024 · based. Podcast
„Defekte Debatten“: Korbinian Frenzel über das, was den Streit kaputt macht

Warum kommen gesellschaftliche Debatten so oft vom Weg ab? In Folge 59 von „based.“ war Korbinian Frenzel zu Gast, Moderator bei Deutschlandfunk Kultur und Co-Autor des Buches „Defekte Debatten“, das er zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach geschrieben hat. Frenzel beschreibt Debatten als defekt, wenn sie nicht mehr zu Lösungen oder zumindest zu Verständnis führen, sondern das Gegenteil bewirken.

Wenn Debatten Gräben vertiefen

Das Ideal einer Debatte sei, sich Lösungen zu nähern oder wenigstens die Position des anderen nachvollziehen zu können. Genau das gehe zunehmend verloren, so Frenzel. Als Problem benennt er unter anderem Debattenteilnehmer, die von der Eskalation profitieren.

Es gibt ein großes gesellschaftliches Bedürfnis nach Sortierung, nach Klarheit, wahrscheinlich als Reaktion darauf, dass wir so viel Unklarheiten haben, dass wir so viel Krisen haben.

Neben dem Populismus nennt er die Krisenhaftigkeit der Zeit und die veränderten Mediengewohnheiten als weitere Faktoren. Zugleich warnt er davor, den Populismusvorwurf selbst als Vereinfachung zu missbrauchen.

Grenzen ziehen – aber erst, wenn es wehtut

Ein zentraler Gedanke des Gesprächs: Offene Debattenkultur zeige sich erst im Ernstfall. Frenzel hält es für legitim, in der Migrationsdebatte auch unbequeme Fragen zuzulassen, solange Grundprinzipien der Humanität nicht berührt werden. Entscheidend sei die eigene Prüfung, ob wirklich eine Grenze überschritten wurde oder nur die eigene Perspektive verletzt sei.

wer es ernst meint mit einer offenen Debattenkultur, merkt es eigentlich erst, wenn es wehtut

Kritisch sieht er dagegen Scheindebatten, etwa wenn nach einem Ereignis wie Solingen politische Positionen aus Stimmungslagen heraus binnen kürzester Zeit komplett zur Disposition gestellt würden.

Der Auftrag des Journalismus

Auf seine eigene Rolle angesprochen, stellt Frenzel eine Grundtugend in den Mittelpunkt: Neugier und Erkenntnisinteresse, ohne Voreingenommenheit gegenüber Themen oder Personen. Journalistinnen und Journalisten sollten ihre eigene Position zumindest zurückstellen und sich fragen, warum ihr Gegenüber zu anderen Ergebnissen kommt.

ihr müsst davon ausgehen, dass Christian Lindner das, was er sagt, für das Richtige hält

Beim Umgang mit umstrittenen Stimmen rät Frenzel zur Gelassenheit – man solle Menschen einladen und nicht Institutionen, und jeden Fall selbst prüfen, statt einem „Lemmingverhalten“ zu folgen. Zum Schluss verweist er auf das, was für ihn Defekte heilen kann: mehr echte Begegnung. „Es gibt meistens doch mehr Anknüpfungspunkte als man denkt“, sagt er – ein Gedanke, den die Hosts als Schlusswort der Folge aufgreifen.

Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.

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