"Braucht Deutschland mehr Hayek?" – Stefan Kolev über Freiheit, Vertrauen und die Mitte
Der wissenschaftliche Leiter des Ludwig Erhard Forums plädiert im based.-Podcast für eine neue Streitkultur der Mitte, weniger Gesetze und einen liberalen Blick auf Europa.
In der 36. Folge von based. ist Stefan Kolev zu Gast, wissenschaftlicher Leiter des Ludwig Erhard Forums. Im Gespräch mit den Hosts Dominik und Benjamin Scherb geht es um Liberalismus, den Ökonomen Friedrich August von Hayek, die Rolle des Staates und die Zukunft der EU. Kolev, seit 20 Jahren FDP-Mitglied und in Bulgarien aufgewachsen, ordnet seine Positionen entlang zahlreicher Metaphern ein.
Die Mitte muss wieder streiten lernen
Kolev sieht die aktuellen Krisen als Chance, über Grundsätzliches zu sprechen. Seine Sorge gilt einer Demokratie, die er als "super fragil" bezeichnet – also einem Zustand, in dem Menschen ihr Vertrauen in die bestehende Ordnung aufkündigen. Zentral sei deshalb die Wiederbelebung der Debattenkultur innerhalb der demokratischen Mitte.
Denn ohne eine solche neue Streitkultur, ohne dass Mitte rechts und Mitte links sowohl im politischen als auch im vorpolitischen Raum ins Gespräch kommen, werden wir die Debatte nicht los, die wir aktuell haben zwischen der Mitte und dem Rand, und diese Debatte kann die Mitte nicht gewinnen.
Die Demonstrationen gegen rechts hält Kolev für ermutigend, gerade weil sie ideologische Unterschiede überbrückten. Für den Moment sei er bereit, diese Unterschiede zurückzustellen.
Englischer Garten statt französischer Garten
Den Gegensatz zwischen einem liberalen und einem aktiv eingreifenden Staat erklärt Kolev am Bild des Gärtners. Ein hayekscher Staat gleiche dem Gärtner eines englischen Gartens, der einen Rahmen setzt, aber nicht jede einzelne Pflanze steuert – anders als der französische Garten von Versailles, in dem jede Pflanze einzeln zurechtgestutzt wird. Sein Plädoyer ist zugleich eines für weniger, aber bessere Gesetze.
Also nach allem, was ich gehört habe, ist die Lösung, die mit gesundem Menschenverstand hier anzubieten wäre es einfach, weniger Gesetze zu machen.
Respekt vor dem spezialisierten Wissen jedes Einzelnen sei dabei der Kern des Liberalismus: Wer in einem Kontext lange "hockt", kenne ihn am besten – ob in Firmen, Behörden oder Hochschulen.
Warum Kolev keine Wildwiese will
Auf die Frage nach dem Libertarismus – von den Hosts als "Wildwiese" ohne Gärtner beschrieben – reagiert Kolev mit einem Blick auf seine eigene Biografie. Das Bulgarien der 90er Jahre sei eben keine Wildwiese, sondern ein Dschungel gewesen. Machtverhältnisse zwischen Menschen verschwänden nicht, wenn man den Staat wegdenke.
Wir haben in den letzten 250 Jahren extremst mühsam es geschafft, das schlimme im Menschen national wie international in diese Regeln zu pressen.
Für Europa wirbt Kolev schließlich für ein Modell der "großen Schweiz" statt eines zentralistischen "großen Frankreichs" – und für einen zügigen, vollwertigen EU-Beitritt der Ukraine. Dem verbreiteten EU-Bashing, gerade in der liberalen "Bubble", erteilt er eine Absage: Der integrierte Raum sei zwar reformbedürftig, aber "ziemlich geil".
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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