Ulf Poschardt über Freiheit, Corona und Argentiniens Milei
Der Welt-Chefredakteur spricht im Podcast „based.“ über die deutsche Skepsis gegenüber Individualismus, die fehlende Corona-Aufarbeitung und seine Faszination für den argentinischen Präsidenten.
In der 27. Folge des Podcasts „based.“ ist Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, zu Gast. Das Gespräch kreist um die Frage, welchen Spielraum liberale Positionen in Deutschland haben – und warum Freiheit hierzulande einen schweren Stand habe. Poschardt verortet die Rolle seines Blattes weniger in der Vermittlung fertiger Meinungen als im Anspruch, Leser zu eigenständigem Urteil zu befähigen.
Mündigkeit statt Belehrung
Für Poschardt liegt die Aufgabe von Medien nicht darin, eine Linie vorzugeben, sondern Menschen zur Selbstständigkeit anzuregen. Erziehung lehnt er ausdrücklich ab.
Und ich glaube, Medien sollten mündig machen und da ist eigentlich die entscheidende Differenz.
Diesen Gedanken zieht er durch das gesamte Gespräch. Statt eines missionarischen Journalismus wünscht er sich Vielstimmigkeit und ein hohes Niveau der Unterscheidbarkeit – ausdrücklich auch mit Autoren, die politisch anders denken als er selbst.
Corona als „Sündenfall“
Ein zentrales Thema ist die aus Poschardts Sicht ausbleibende Aufarbeitung der Corona-Politik. Er beschreibt Bilder, die ihn nachhaltig geprägt hätten – etwa Polizeieinsätze im Englischen Garten in München oder die Verfolgung eines Jugendlichen im Hamburger Jenisch-Park. Für ihn stehen sie sinnbildlich für eine autoritäre Zeit.
Ich denke, dass das einer der großen Sündenfälle der Nachkriegsgeschichte war, und ich finde das Versagen vieler Intellektueller beispiellos.
Die Welt habe, so Poschardt, in alle Richtungen recherchiert und dabei sowohl CSU- als auch SPD-geführte Landesregierungen kritisch begleitet. Er nennt Kolleginnen und Kollegen wie Tim Röhn, Anna Schneider und Elke Bodderas sowie neue Autoren aus einer freiheitlichen linken Tradition.
Argentinien und die Freiheit
Ausführlich spricht Poschardt über den argentinischen Präsidenten Javier Milei, den er als Hoffnungsfigur einer möglichen liberalen Wende in Lateinamerika deutet. Zugleich räumt er ein, dass Milei „viele Sachen machen“ müsse, „die wir nicht so gut finden“. Deutschen Journalisten wirft er hingegen fehlende Kenntnis liberaler Ideen vor. Auf die Frage, ob deutsche Medien ein Gefühl für Liberalismus hätten, antwortet er knapp:
Nö, natürlich nicht 000,0 ich glaube ja sowieso, dass ganz viel von dieser Art von. Linkspopulismus, der die Medien prägt aus einer kompletten Unbelesenheit kommt.
Die deutsche Skepsis gegenüber dem Individuum erklärt Poschardt kulturell und historisch – vom „Untertan“ Heinrich Manns bis zu den großen Begriffen der deutschen Philosophie. Er selbst verortet sich als Liberaler, der sich „über Libertäre freut und nicht ein Liberaler, der Angst vor Libertären hat“. Zum Schluss zeigt er sich optimistisch mit Blick auf jüngere Generationen und verweist auf ein selbstbewusstes Auftreten junger Menschen aus der jüdischen Community seit dem 7. Oktober. Die kommende Folge des Podcasts kündigt Gast Ahmad Mansour an.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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