Welches Problem haben deutsche Medien mit Freiheit?
Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt ueber liberalen Journalismus, Muendigkeit und die fehlende Aufarbeitung der Corona-Politik.
Im Welt-Podcaststudio in Berlin spricht das based.-Team mit Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, ueber liberale Politik, den Spielraum eines Chefredakteurs und die Rolle der Medien.
Medien sollen muendig machen
Poschardt versteht seine Aufgabe nicht darin, sich mit dem Zeitgeist abzugleichen, sondern setzt auf Vielstimmigkeit statt einer von oben verordneten Position. Die Kernidee des Freiheitsfaehigen sei die Muendigkeit:
Und ich glaube, Medien sollten mündig machen
Die geringe Zustimmung fuer freiheitliche Politik fuehrt er auch darauf zurueck, dass ihre Akteure oft selbst unfrei auftraeten. Als Gegenbeispiel nennt er den argentinischen Praesidenten Milei, an dem sich zeige, dass ein authentisch gelebtes Freiheitspathos durchaus wirke.
Der Suendenfall Corona
Ausfuehrlich geht es um die Corona-Politik, deren Aufarbeitung Poschardt vermisst. Sein Urteil faellt scharf aus:
Ich denke, dass das einer der großen Sündenfälle der Nachkriegsgeschichte war, und ich finde das Versagen vieler Intellektueller beispiellos.
Er erinnert an Bilder, die ihn gepraegt haetten: die Polizei, die im Englischen Garten in Muenchen Lesende von der Parkbank wegschickt, oder einen Jugendlichen im Hamburger Jenischpark, der verfolgt wird, weil er Freunde im Freien getroffen hat. Auch die Traumatisierung von Kindern durch Homeschooling und soziale Isolation sei ein Tiefpunkt.
Ein ueberparteiliches Buendnis
Die Welt habe, so Poschardt, in alle Richtungen recherchiert und dabei neue Autorinnen und Autoren von links bis rechts gewonnen. Es sei nicht um links oder rechts gegangen:
Es geht um eine Spielart staatsversessener autoritärer Herrschaft, die die Rechte des Einzelnen dementiert, denunziert und zur Gefahr erklärt.
Poschardt verweist darauf, dass die Welt mit ihren Recherchen zwei Ministerpraesidenten angezaehlt habe - sowohl das CSU-gefuehrte Muenchen als auch das SPD-gefuehrte Hamburg unter Tschentscher - und dass Journalisten wie Tim Roehn die Corona-Politik kritisch begleitet haetten. Selbst einen Vorabdruck des linken Publizisten Heribert Prantl habe man gebracht, weil es beim Grundrechtsschutz nicht um links oder rechts gehe.
Kritisch blickt er auf den oeffentlich-rechtlichen Rundfunk und auf Debatten um Meinungsfreiheit, in denen er einen etatistischen Grundton ausmacht. Mit Blick auf die Zukunft warnt er vor der Vorstellung, dass sich - wie es der Virologe Christian Drosten angeregt habe - in einer naechsten Pandemie moeglichst nur noch Experten oeffentlich aeussern sollten.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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