Wann hört man auf, links zu sein? Martenstein und Roth streiten über einen Begriff
Beim Live-Podcast „based.“ diskutieren der frühere DKP-Aktivist und heutige Bild-Kolumnist Harald Martenstein und der SPD-Politiker Michael Roth, was „links“ heute noch bedeutet – und wer wem das Linkssein absprechen darf.
In der 124. Folge des Podcasts „based.“, aufgenommen live in der Berliner König Galerie, trafen zwei Gäste mit unterschiedlichen Biografien aufeinander: Harald Martenstein, in den 1970er Jahren Mitglied der DKP und heute Kolumnist bei der Bild, sowie Michael Roth, langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter. Die Leitfrage des Abends – „Wann hört man auf, links zu sein?“ – führte schnell zu der Frage, wer überhaupt definiert, was links ist.
Wer spricht wem das Linkssein ab?
Bereits zu Beginn stritten beide über die Vergangenheit des jeweils anderen. Roth erklärte, er wolle Martenstein rückblickend dessen Linkssein als DKP-Mitglied absprechen – und beschrieb, dass ihm selbst dieses Etikett innerhalb der Jusos ebenfalls verweigert worden sei. Für Roth stand dabei ein Wert im Zentrum:
Meines Linkseins war immer Freiheit, also wir können viel über Gerechtigkeit reden und wir können auch viel über Frieden reden, aber am Ende geht es um Freiheit.
Roth berichtete, dass ihm sein Linkssein heute unter anderem wegen seiner Haltung zu Israel abgesprochen werde. Dass dies geschehe, empört ihn:
Ein Linker steht an der Seite Israels nicht unkritisch und ein Linker sagt, wenn es etwas gibt, was wir aus dem Faschismus gelernt haben, ist, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland, in Europa frei und in würde leben können, ohne Angst, dass das Mal zur Disposition gestellt wird.
Menschen sortieren – Martensteins Vorwurf
Martenstein schilderte, was ihn von der Linken entfernt habe: das Erlebnis undemokratischer Strukturen in seiner Mainzer DKP-Ortsgruppe sowie ein „in sich geschlossenes Welterklärungsmodell“. Was er ablehne, sei das Einteilen von Menschen in Gut und Böse anhand von Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe. Roth berichtete in diesem Zusammenhang, er habe homophobe Schwarze kennengelernt, was nach mancher Identitätstheorie nicht sein dürfe – eine Beobachtung, die Martenstein aufgriff und als grundsätzliches Problem beschrieb.
Rechts, konservativ, extrem – eine Frage der Einordnung
Einigkeit bestand darin, dass Begriffe zu leichtfertig verwendet würden. Martenstein kritisierte, konservative Politiker würden häufig mit Rechtsextremen gleichgesetzt, und verwies auf de Gaulle, Churchill und Adenauer. Roth wiederum warnte davor, die extreme Linke zu verharmlosen, und mahnte zugleich einen gelasseneren Umgang miteinander an. Am Ende erklärte er, warum er trotz Konflikten in der SPD bleibe – er habe der Partei „sehr, sehr viel zu verdanken“ – und betonte zugleich seine Perspektive auf politische Härte:
Ich war nie ein Opfer, ich musste keine Angst haben.
Statt der lauten und dickfelligen Akteure, so Roth, wünsche er sich ein Land, in dem auch die Sensiblen und Leisen eine Chance erhielten.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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