Ulf Poschardt bei der "taz": "Ich will ja alles kaputt machen"
Beim letzten Tazlab von Jan Feddersen trifft der Welt-Herausgeber auf ein linkes Publikum – zwischen Provokation, Brückenabriss und einem überraschend konkreten Vorschlag fürs Schloss Bellevue.
Für Folge 121 sind die based-Hosts Benny Schremp und Dominik Steffen mit Ulf Poschardt zum Tazlab gegangen – ausgerechnet vor ein linkes Publikum. Der Welt-Herausgeber wirbt seit Monaten dafür, das "linke Schüttbürgertum kaputt zu machen". Gemeinsam mit taz-Urgestein und based-Mitstreiter Jan Feddersen wurde ausgelotet, wo es zwischen den Milieus Missverständnisse, Gemeinsamkeiten und schlicht Uneinigkeit gibt.
Vom Brückenbauen zum Brückenabriss
Poschardt verweist auf eine frühere Aussage in einem anderen Podcast und formuliert seine Haltung zugespitzt. Nicht mehr das Verbinden stehe im Vordergrund, sondern das Einreißen des Bestehenden.
Ich habe bei Hotel Matze den Satz gesagt, ich glaube nicht mehr dran Brücken zu bauen, sondern ich bin dabei Brücken abzureißen.
Zugleich betont er, dass er den Dialog nicht grundsätzlich aufgebe. Jedes Gespräch sei "der Anfang einer möglichen Brücke". Seine generelle Diagnose des Bestehenden fällt allerdings drastisch aus:
Ich finde, ich finde alles scheiße und ich finde, wir müssen neu anfangen und auf die ist alle geschissen.
Ein Angebot: Bellevue als Problemschule
Auf die Nachfrage der Hosts, ob nach dem Kaputtmachen ein konkretes Angebot folge – mit Verweis auf den von Poschardt selbst herangezogenen Ökonomen Schumpeter und dessen "kreative Zerstörung" – entwickelt der Gast eine Idee für das Amt des Bundespräsidenten. Steinmeier, so Poschardt, halte "einen staatstragenden Scheißdreck". Sein Gegenvorschlag: aus dem Schloss Bellevue eine Schule machen, geleitet von der besten Lehrkraft des Landes, die dann das höchste Staatsamt übernehme. Staatsgäste sollten künftig Schulen besuchen. Deutschland müsse, so seine Begründung, "demütig lernen".
Der eine Punkt, an dem keine Ausnahme gilt
Feddersen, seit einem halben Jahr bei based dabei, hält Poschardt entgegen, dass er mit rund 99 von 100 seiner Auffassungen nicht übereinstimme – die Texte aber trotzdem lese. In einem Punkt findet man dann doch zusammen: dem Verhältnis zu Israel und Antisemitismus. Poschardt beschreibt dies als seinen unverrückbaren Bezugspunkt.
das gilt für mich bis auf eine Ausnahme bei allem und die eine Ausnahme geht gerade kaputt, das ist Antisemitismus, ist nie wieder, ich bin von meinem Land und im Westen seit dem 8. Oktober tief enttäuscht
Was ihn an der eigenen ehemaligen Bubble besonders reize, sei nicht der äußere Widerspruch, sondern die fehlende Selbstkritik. Als Publikumsteilnehmerin Sophie von ihren Erfahrungen mit linker Gewalt und der Debatte darum berichtet, greift Poschardt genau diesen Punkt auf.
dass die Linke nicht selbstkritisch ist, dass die Linke nicht die Heroisierung von einer Bourgeoisie moralelite selber angreift, das macht mich rasend.
Als gemeinsamen Nenner beruft er sich am Ende auf Habermas und den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" – und darauf, dass Disruption bei einem selbst anfangen müsse. Feddersen wiederum wünscht sich mehr vom unerwarteten Poschardt und weniger von der "ewigen Dreschware aus der linken Konfektion". Ein Schlagabtausch zwischen zwei Milieus, die sich sichtlich mögen, ohne einer Meinung zu sein.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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