Nicholas Potter über die "neue autoritäre Linke" – und warum ihn seine eigene Szene bedroht
Der taz-Journalist berichtet im based.-Podcast über Morddrohungen, Fahndungsplakate mit seinem Gesicht und ein Antisemitismusproblem in Teilen der Linken.
Der Journalist Nicholas Potter arbeitet für die taz und hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Die neue autoritäre Linke". Für seine Nahost-Berichterstattung erhält er Anfeindungen und Morddrohungen – aus einer Szene, der er sich selbst zugehörig fühlt. Im based.-Podcast spricht er mit den Hosts über die Entwicklung der Linkspartei, über den 7. Oktober 2023 und über die Frage, was an vielem, das sich links nennt, eigentlich noch links ist.
Fahndungsplakate und Eliminierungsaufrufe
Potter berichtet, wie eine Online-Kampagne gegen ihn eskaliert sei: von Aufklebern mit seinem Gesicht im Berliner Stadtbild bis hin zu selbstgebastelten Fahndungsplakaten. Er verbindet dies mit dem roten Dreieck, einem Symbol, das die Hamas in Propagandavideos zur Markierung von Zielen verwendet.
Wurden geklebt an unterschiedlichen Orten in Berlin, an Litbasssäulen, an Mülleimern und an Ticketautomaten. Und ein wenig später mündete das in Selbstgebastelter Fahndungsplakaten mit der Überschrift Wanted mit meinem Gesicht Foto.
Die Botschaft solcher Aktionen sei für ihn eindeutig, sagt Potter, und verweist auf einen Doppelmord an zwei Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Washington als Beleg dafür, dass manche Menschen solche Botschaften umzusetzen versuchten.
Streit um den Begriff "links"
Potter beschreibt sich selbst als linkssozialisiert, sieht das, was sich die linke Szene nennt, aber zunehmend kritisch. Den Kampf um die Deutungshoheit über den Begriff "links" hält er für wenig ergiebig – ihm gehe es um Inhalte, nicht um Etiketten.
Ich möchte über Inhalte sprechen, weil das, was sich auf Links nennt, kann man es nennen, was man will, ich bezeichne das als reaktionär, antimans, Kathodisch und zunehmend auch autoritär.
Ein zentrales Merkmal dieser Strömung sieht er in einem Strafbedürfnis gegenüber Andersdenkenden. Er habe für sein Buch Chats der Linksjugend Solid ausgewertet, in denen Mitglieder "Mordphantasien" über politische Gegner im eigenen Lager äußerten. Beim Bundesparteikongress der Linksjugend Solid seien Delegierte massiv eingeschüchtert worden.
"Keine ernstzunehmende Koalition"
Mit Blick auf die Linkspartei zieht Potter eine deutliche Grenze. Zwar halte er an der Brandmauer gegen die AfD fest und betone deren Gefahr. Doch eine Partei mit einem "selbsternannten antizionistischen Landesverband" sei kein Bündnispartner mehr.
Die Linkspartei schickt in Berlin Kandidaten ins Rennen, die ein massives Antisemitismusproblem haben, die so fanatisch antitionistisch drauf sind, dass das in diesem Problem ist.
Zugleich wünsche er sich, dass die Partei das Problem selbst in den Griff bekomme: "Ich glaube, die Linkspartei braucht erst mal eine Brandmauer gegen sich selbst." Ob sich die Linke erneuere oder in die Irrelevanz verschwinde, werde nach seiner Einschätzung gerade jetzt entschieden. Trotz aller Enttäuschung hebe er die Hoffnung nicht auf – im Mittelpunkt stehe für ihn ohnehin etwas anderes: "Ich bin eine demokratische Person und ich bin ein Journalist."
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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