Kai Diekmann über "Refugees Welcome": "Gut gemeint und gut sind zwei völlig unterschiedliche Dinge"
Der frühere Bild-Chefredakteur blickt im Podcast „based.“ auf die Flüchtlingskampagne von 2015 zurück – und auf seine eigene Erfahrung als Gastgeber eines Geflüchteten.
16 Jahre lang war Kai Diekmann Chefredakteur der Bild. In der Flüchtlingskrise 2015 fuhr das Blatt mit der Kampagne „Refugees Welcome“ einen migrationsfreundlichen Kurs. Im Podcast „based.“ spricht Diekmann über die damalige Entscheidung, seine eigenen Erfahrungen als Gastgeber – und darüber, warum aus guten Absichten kein Erfolg wurde.
Zwischen den Stühlen
Diekmann verteidigt die damalige Kampagne und verweist darauf, dass die Bild aus unterschiedlichen politischen Richtungen kritisiert wurde. Das sei für ihn ein gutes Zeichen gewesen.
Wir sind immer von links kritisiert worden für unsere angebliche Hetze, unsere angebliche Diskriminierung von Ausländern, unsere Ausländerfeindlichkeit, und wir sind dann nach 215 von rechts angegriffen worden für diese Kampagne Refugees Welcome kann ich nur sagen, wunderbar, haben wir offenbar alles richtig gemacht.
Den Platz von Journalisten sieht er „zwischen allen Stühlen“. Grundlage der Kampagne sei nicht ein strategisches Kalkül gewesen, sondern eigenes Erleben – Berichte der Kriegsreporter aus Syrien und die Beobachtungen auf den Flüchtlingsrouten.
Der Geflüchtete im eigenen Haus
Diekmann nahm damals selbst einen Vater mit zwei Söhnen bei sich zu Hause auf. Ein Erfolg wurde daraus nicht: Der Mann habe sich religiös radikalisiert und die Familie nach rund zehn Monaten verlassen. Rückblickend zieht Diekmann ein ernüchtertes Fazit.
mit dem Wissen von heute würde ich auch wieder sagen, gut gemeint und gut sind zwar völlig unterschiedliche Dinge am Ende. Sind wir ja mit der Aufnahme dieser Flüchtlinge gescheitert.
Er selbst habe „möglicherweise vieles auch falsch gemacht“, sei zu großzügig gewesen und hätte „vielleicht mitunter strenger sein müssen“. Ein Fehler sei gewesen, den Gast nicht in einem Lager unterzubringen, wo er „im Zweifelsfall professionell betreut worden“ wäre. Diekmann verweist zugleich auf ein grundsätzliches Versäumnis: Es sei nie gelungen zu klären, „Was sind eigentlich unsere Ansprüche, was erwarten wir von denjenigen, die zu uns kommen und was leisten wir dafür?“
Boulevard, Emotion und die lauteste Trompete
Auf die Frage, ob man sich zu sehr von Bildern und Emotionen habe leiten lassen, verteidigt Diekmann den Ansatz seines Blattes. Emotion sei kein Fehler, sondern Methode – auch, weil Menschen zuerst emotional reagierten. Zum Selbstverständnis der Bild sagt er:
das ist der große Unterschied zwischen einer FAZ, einer Süddeutsche und einer Bild Zeitung
Die Reduktion von Komplexität sieht Diekmann als Kernaufgabe des Boulevards: „lesen ist gegen die Strukturen des menschlichen Hirns“. Guter Boulevard leiste „Lust am Lesen und Lust am Leben“.
Der Politik wirft er vor, aus 2015 nicht gelernt zu haben. Nach den damaligen Erfahrungen hätte man „längst eine Blaupause haben müssen“ – dass diese fehle, sei „ein wirkliches Versäumnis der Politik“. Nötig seien klare Kriterien: „Wer sind diejenigen, die zu uns dürfen, wer sind diejenigen, die wir weghalten wollen“. Trotz aller Kritik zeigt sich Diekmann grundsätzlich zuversichtlich über die Verfassung des Landes: „diese Demokratie hat sich als erstaunlich stabil erwiesen“.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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