„Wir sind alle widersprüchlich“ – Gilda Sahebi über die Illusion der Spaltung
Die Journalistin Gilda Sahebi erklärt im based.-Podcast, warum unsere Gesellschaft weniger polarisiert ist, als es scheint – und wer von der Feindbild-Politik profitiert.
Ob Israel und Palästina, Klimaschutz oder Migration: Kaum eine Debatte kommt heute ohne die Diagnose einer tief gespaltenen Gesellschaft aus. Doch stimmt dieses Bild überhaupt? Im based.-Podcast stellt die Journalistin und Buchautorin Gilda Sahebi („Verbinden statt Spalten“) diese Annahme in Frage. Ihre These, gestützt auf Daten unter anderem des Soziologen Steffen Mau: Die Themen und Debatten seien polarisiert – die Menschen dahinter aber deutlich weniger.
Verschiedene Realitäten, echte Emotionen
Sahebi betont, dass Menschen dieselbe Wirklichkeit unterschiedlich wahrnehmen – etwa in der Frage, ob eine Universität eher pro-israelisch oder pro-palästinensisch geprägt sei. Beide Sichtweisen könnten für die Betroffenen wahr sein. Das gelte auch für gegensätzliche Lebensrealitäten in Sozialdebatten:
Mich kotzt es an, dass es so hoch ist, dass wir so viel Steuern zahlen müssen, dass wir so hohe Abgaben zahlen müssen, und genauso verstehe ich die Realität eines Menschen, der arbeitslos ist, die vielleicht alleinerziehend ist und die einfach nicht arbeiten kann.
Beides seien Realitäten, „die wahr sind, die echt sind, Teil des Ganzen sind“ – und die man nicht gegeneinander ausspielen dürfe, weil man sonst zu keinen Lösungen komme.
Warum Schubladen scheitern
Kampfbegriffe wie „woke“ oder „rechts“ funktionieren laut Sahebi als Projektionsflächen, in die unbewusst Assoziationen hineingelegt werden. Menschen in Kategorien zu pressen, hält sie für aussichtslos:
Ein Mensch in links und rechts zu stecken ist schwierig, weil wir alle widersprüchlich sind, alle alle, wir sind alle auch alle heuchlerisch bis 12:00 Uhr mittags hab ich 10 Sachen gemacht, die überhaupt nicht mit dem übereinstimmen, was ich anscheinend an Werten haben sollte.
Genau deshalb, so Sahebi, triggere Heuchelei uns so stark – weil wir sie alle in uns tragen. Als Journalistin sei es ihre Aufgabe, zu beschreiben, ohne zu werten. Beim Buchschreiben habe sie gemerkt, dass ihr Beispiele für linke Polarisierung und Projektionen auf „rechts“ schwerer fielen, weil sie zunächst ihre eigenen Projektionen überwinden musste.
Wer von der Spaltung profitiert
Für Sahebi steht im Zentrum die Machtfrage. Von affektiver Polarisierung – dem Gefühl, die eigene Gruppe sei besser als die andere – profitierten im politischen Raum vor allem autoritäre Kräfte, aber zunehmend auch demokratische Parteien. Das Gruppengefühl an sich sei nichts Schlechtes, im Gegenteil. Problematisch werde es erst bei der Instrumentalisierung:
Problematisch ist wenn es benutzt wird, dieses Gruppengefühl, wenn ihr sagt Deine Gruppe ist besser als die andere, die sind böse, die sind schlecht, du bist besser, du bist was Besseres, das ist diese affektive Polarisierung.
Auch Medien und einzelne Akteure verdienten an der Zuspitzung, sagt Sahebi mit Verweis auf das, was Mau als „Polarisierungsunternehmer“ bezeichnet. Zugleich zeigt sie Verständnis für Frust und Politikverdrossenheit – die AfD löse jedoch kein einziges Problem.
Am Ende bleibt Sahebi zwiegespalten: In die Menschen setzt sie Hoffnung, bei den politischen und medialen Strukturen ist sie skeptisch. Aufeinander zuzugehen sei wichtig, reiche aber allein nicht aus – es müssten sich auch die Strukturen verändern.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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