Konrad Liessmann über Meinungsfreiheit: „Auch unbeschränkt für alle Richtungen“
Der Wiener Philosoph plädiert im „based.“-Podcast für eine radikale Meinungsfreiheit – und warnt vor apokalyptischer Krisenrhetorik und einer „Erziehung zur Heuchelei“.
In Folge 105 des Podcasts „based.“ ist der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann zu Gast. Mit den Hosts Jan Feddersen und Benny Scherbt spricht er über Krisen, Krisenrhetorik und die Grenzen der Meinungsfreiheit. Liessmann fordert eine radikale Auffassung der freien Rede – und ordnet dabei zugleich ein, wo für ihn Grenzen liegen.
Krisenrhetorik als Erpressung
Liessmann kritisiert, dass gesellschaftliche Debatten zunehmend mit apokalyptischer Sprache geführt würden – etwa mit Formeln wie „letzte Chance“ oder „letzte Generation“. Diese Rhetorik verenge den Raum für eigene Positionen, weil sie nur noch zwei Optionen zulasse.
Also wenn ich nur noch die Wahl habe zwischen Untergang und das zu tun, was andere von mir wollen, dann erspar ich mir eine eigene Meinung.
Zugleich warnt er davor, jede Veränderung vorschnell als Krise zu bezeichnen. Krisen hätten für ihn einen präzisen Beginn und ein Ende – anders als langfristige Transformationen. Am Beispiel Grönland zeigt er, dass ein und dieselbe Situation für die einen Krise, für die anderen ein Zeichen der Stärke sein könne.
„Erziehung zur Heuchelei“
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, ob Menschen heute anders sprechen, als sie denken. Liessmann verweist auf Umfragen des Allensbach-Instituts, wonach viele Menschen das Gefühl hätten, nicht mehr frei sagen zu können, was ihnen auf dem Herzen liege. Mit Blick auf den Philosophen Spinoza formuliert er seine Sorge:
Es kann doch nicht im Interesse gerade einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft sein, in einer Gesellschaft von Heuchlern, Täuschern und Verstellern zu leben.
Zugleich verteidigt er Höflichkeit und Impulskontrolle. Das n-Wort etwa habe durch seinen Gebrauch einen verletzenden Charakter bekommen und solle vermieden werden – Dokumente der Vergangenheit dürften aber nicht nachträglich „gesäubert“ werden.
Grenzen der freien Rede
Liessmann bekennt sich zu einer weitreichenden Meinungsfreiheit, die auch für unliebsame Positionen gelten müsse. Die Grenze zieht er beim Aufruf zu Gewalt und bei Angriffen auf die persönliche Integrität. Weltanschauliche Überzeugungen dagegen müssten geäußert werden dürfen – gleich aus welcher Richtung.
Dann gilt für mich das Prinzip der Meinungsfreiheit auch unbeschränkt für alle Richtungen. Natürlich kann ein gläubiger Muslim der Überzeugung sein.
Damit meint er etwa die Überzeugung, ein Kalifat sei die bessere Gesellschaftsordnung – solange nicht zu Gewalt aufgerufen werde. Konkret fordert Liessmann, in Deutschland Regelungen zu streichen, die Politiker gegenüber Äußerungen privilegieren, sowie umstrittene Passagen aus dem Digital Services Act. Gegen politische Verführung setzt er nicht auf Verbote, sondern auf Bildung und ein geschultes Kritikvermögen – und rät, Impulse zu kontrollieren, etwa vor einem Posting „eine Nacht drüber zu schlafen“.
Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.
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