Folge #102

Frédéric Schwilden über die neue AfD-Jugend und den inflationären Nazi-Begriff

In Folge #102 von „based.“ spricht der Welt-Autor über den Gründungsparteitag der AfD-Jugend in Gießen, die Ausschreitungen am Rande und die Frage, wann der Vorwurf „Nazi“ gefährlich wird.

8. Dezember 2025 · based. Podcast
Frédéric Schwilden über die neue AfD-Jugend und den inflationären Nazi-Begriff

Am Wochenende hat sich in Gießen die neue Jugendorganisation der AfD gegründet – begleitet von großen Protesten und Ausschreitungen. In der 102. Folge des Podcasts „based.“ ordnet der Journalist und Autor Frédéric Schwilden ein, was er von der Gründung hält, wie er auf die Gewalt am Rande blickt und warum ihn der Umgang mit dem Nazi-Begriff beschäftigt.

Ein Rückgriff auf alte Ästhetik

Schwildens Eindruck vom Parteitag: eine rechtsradikale Jugendorganisation mit bürgerlichem Anstrich, die sich ästhetisch kaum bewegt habe. Für ihn Ausdruck von Ideenlosigkeit – und darum, so sagt er, nicht ernst zu nehmen.

Sich im Jahr 2025 noch auf so einen Schrott zu berufen, also selbst wenn man jetzt die neue Rechte sein will, mit dieser Ästhetik zu spielen, ist für mich einfach nur lächerlich und deswegen kann ich das ehrlich gesagt nicht ernst nehmen.

Zugleich hält er der Organisation vor, aus eigener Sicht unklug zu handeln, weil sie sich nicht für andere Milieus öffne.

Wenn „Nazi“ Gewalt rechtfertigt

Rund um den Parteitag wurde der Welt-Kollege Paul Ronzheimer mit seinem Kamerateam angegangen, auch Abgeordnete wurden attackiert. Schwilden kritisiert, dass der Nazi-Begriff inflationär gebraucht werde – und was daraus folge, wenn plötzlich jeder als Nazi gelte.

Wenn man dann sagt, der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland aus der CDU ist ein Nazi, da verlassen wir wirklich alle Pfade von Diskurs.

Wer solche Zuschreibungen mit Gewalt beantworte, so Schwilden, sei am Ende selbst nicht besser: „Wenn ich sage, du bist so weit draußen, das rechtfertigt, dass ich dir auf die Fresse haue.“ Sein Cohost Jan Feddersen setzt dagegen eine Erfahrung aus Grimma, wo ein Betreiber eines linken Projekts sich selbst als Linksextremist bezeichnete – aus Selbstschutz, weil die Polizei bei Angriffen von Neonazis nicht gekommen sei. Schwilden hält Gewalt aus Selbstschutz für legitim, das aktive Aufsuchen von Gegnern nicht.

Der mündige Wähler und die Grenzen des Journalismus

Schwilden bezweifelt, dass es die Aufgabe von Journalisten sei, eine Partei kleinzuhalten – ein Projekt, das bei der AfD ohnehin gescheitert sei. Er setzt stattdessen auf den freien Willen des Publikums, auch wenn das Ergebnis unbequem sei.

Ich glaube an den freien Willen. Ich möchte das noch mal rausnehmen, weil ich würde dir da zu 1000 % zustimmen, dass die Aufgabe eines Journalisten nicht ist, irgendeine politische Kraft klein zu kriegen.

Zum Thema Brandmauer gibt er sich bewusst zurückhaltend und verweist auf Erfahrungen aus Kommunalparlamenten, wo Anträge zurückgezogen worden seien, weil die AfD ihnen zustimmen könnte – das halte er für gefährlich. Neben der Politik streift das Gespräch auch seinen Roman „Gute Menschen“, seine Ablehnung fester politischer Lager und ein Plädoyer für Neugier: „Ich brauche nicht sehr viele Leute, die mit mir einer Meinung sind, also dann schlafe ich ja selber ein.“

Kurzfassung der Folge — das ganze Gespräch hört ihr im Podcast.

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